Warum mehr Personal die Überlastung der Verwaltung nicht löst
Personalmangel ist die naheliegendste Erklärung für überlastete Verwaltungen. Sie greift zu kurz.
In Gesprächen mit Führungskräften der öffentlichen Hand fällt ein Satz besonders häufig: Wir haben einfach zu wenig Personal. Diese Erklärung liegt nahe, denn sie ist einfach zu formulieren und schwer zu widerlegen. Fast jede Verwaltung kann unbesetzte Stellen, hohe Krankenstände und Fachkräftemangel in einzelnen Bereichen belegen. Der Fachkräftemangel ist real. Als alleinige Erklärung für die strukturelle Überforderung der Verwaltung trägt er trotzdem zu kurz.
Ein Dauerzustand mit strukturellen Ursachen
Verwaltungen befinden sich seit Jahren in einem Zustand permanenter Überlastung. Das ist kein kurzfristiges Phänomen, keine Folge konjunktureller Schwankungen und auch nicht das Ergebnis einzelner Fehlentscheidungen einzelner Führungskräfte. Die Überforderung hat grundlegende strukturelle Ursachen. In nahezu allen Verwaltungsebenen zeigt sich ein ähnliches Bild: ein fortwährender Anstieg an Aufgaben, wachsende regulatorische Anforderungen, steigende Erwartungen von Politik und Bevölkerung, bei gleichzeitig begrenzten personellen, finanziellen und zeitlichen Ressourcen. Auffällig ist dabei vor allem die Dauerhaftigkeit dieser Belastung. Wer diesen Zustand allein mit fehlendem Personal erklärt, unterstellt damit, dass ausreichend besetzte Stellen das Problem auflösen würden. Die Erfahrung zeigt ein anderes Bild. Selbst Verwaltungen, denen es gelingt, offene Stellen zu besetzen, berichten kaum von spürbarer struktureller Entlastung.
Warum zusätzliches Personal an der Ursache vorbeigeht
Der Grund liegt in der Natur der Überforderung selbst. Sie entsteht als Ergebnis eines Systems, in dem Aufgabenbestände anwachsen und sich Standards verdichten, ohne dass diese Entwicklung von Führung und Politik systematisch hinterfragt wird. Neue Aufgaben kommen hinzu, alte bleiben bestehen. Regulatorische Anforderungen verdichten sich, Prozesse werden aber selten entsprechend angepasst. In einem solchen System bindet zusätzliches Personal zunächst Kapazität für Einarbeitung, Abstimmung und Koordination, bevor es überhaupt wirksam wird. Wächst der Aufgabenbestand gleichzeitig weiter, gleicht neues Personal bestenfalls einen Teil dieses Zuwachses aus. Die zugrunde liegende Schieflage bleibt bestehen.
Diese Dynamik erklärt auch ein Phänomen, das viele Verwaltungsleitungen aus eigener Erfahrung kennen: Neue Stellen werden besetzt, die gefühlte Entlastung bleibt jedoch aus. Der Grund liegt selten an der Leistung der neuen Kolleginnen und Kollegen. Er liegt daran, dass der Aufgabenbestand weiterwächst, während die Organisation gleichzeitig versucht, das neue Personal einzuarbeiten und in bestehende Abläufe zu integrieren. Kurzfristig steigt der Koordinationsaufwand, spürbare Entlastung stellt sich erst mit deutlicher Verzögerung ein, wenn sie überhaupt eintritt.
Effizienz als Führungs- und Steuerungsentscheidung
Genau an dieser Stelle entsteht ein Missverständnis, das viele Effizienzinitiativen von vornherein schwächt. Effizienz wird häufig als Sparinstrument oder als technisches Optimierungsproblem verstanden. Gut gemeinte Verbesserungen entfalten dann kaum Wirkung, teilweise erzeugen sie sogar zusätzlichen Aufwand. Effizienz beginnt als Führungs- und Steuerungsentscheidung. Welche Aufgaben trägt die Verwaltung heute, die sie in dieser Form gar nicht mehr tragen müsste? Welche Standards wurden im Lauf der Zeit übernommen, ohne dass ihr Nutzen regelmäßig überprüft wurde? Diese Fragen beantwortet zusätzliches Personal nicht. Sie erfordern eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Aufgabenbestand selbst.
Genau diesen Denkraum eröffnet mein Buch Effiziente Verwaltung im ersten Kapitel. Es beginnt bewusst mit einer präzisen Vermessung des Problemraums: der strukturellen Überforderung, wie sie deutschlandweit erlebt wird. Ziel dieses Kapitels ist es nicht, Schuld zuzuweisen oder Defizite einzelner Bereiche zu benennen, sondern die Ausgangslage präzise zu beschreiben. Diese Bestandsaufnahme legt die Grundlage dafür, Effizienz im weiteren Verlauf als Steuerungsaufgabe der Führung zu begreifen, statt sie an einzelne Sparvorgaben zu delegieren.
Was Führungskräfte konkret prüfen sollten
Für Verwaltungsleitungen lohnt sich ein Ausgangspunkt vor der Personalplanung. Eine ehrliche Aufgabenkritik legt offen, welche Leistungen tatsächlich noch gebraucht werden und welche aus Gewohnheit fortgeführt werden. Solche Leistungen entstehen oft aus früheren politischen Entscheidungen, aus einmaligen Sonderwünschen einzelner Fachbereiche oder aus Standards, die zu einem bestimmten Zeitpunkt sinnvoll waren und seither nie wieder überprüft wurden. Eine Analyse der Standards zeigt, wo Anforderungen über das gesetzlich Notwendige hinausgehen. Eine Betrachtung der Prozesse macht sichtbar, wo Abstimmungsschleifen mehr Zeit kosten als die eigentliche Aufgabe selbst.
Diese drei Perspektiven, Aufgabenkritik, Standardanalyse und Prozessbetrachtung, gehen der Personalplanung voraus. Sie liefern ihr die notwendige Grundlage. Wird eine offene Stelle besetzt, bevor diese Prüfung stattgefunden hat, übernimmt die neue Person häufig genau den Aufgabenzuschnitt, unter dem die Vorgängerin oder der Vorgänger bereits überlastet war. Die Überlastung wandert einfach weiter, statt sich aufzulösen. Ohne diese Klärung bleibt jede zusätzliche Stelle eine kurzfristige Entlastung für einen weiter wachsenden Aufgabenbestand.
Die richtige Reihenfolge macht den Unterschied
Für Verwaltungsleitungen bedeutet das eine Verschiebung der Prioritäten. Personalgewinnung bleibt wichtig, gerade angesichts des demografischen Wandels in der öffentlichen Hand und des spürbaren Wettbewerbs um Fachkräfte. Sie entfaltet ihre Wirkung, wenn sie auf einen Aufgabenbestand trifft, der zuvor kritisch geprüft wurde. Verwaltungen, die zuerst ihre Aufgaben, Standards und Prozesse ordnen und erst danach gezielt Personal aufbauen, berichten von einer spürbar anderen Wirkung neuer Stellen. Das neue Personal verstärkt dann eine bereits entlastete Organisation, statt in ein überfordertes System einzutreten.
Diese Reihenfolge entscheidet darüber, ob eine Verwaltung dauerhaft am Limit arbeitet oder Handlungsfähigkeit zurückgewinnt. Wer als Führungskraft die Personaldecke als einzige Stellschraube betrachtet, wird an der eigentlichen Ursache vorbeiarbeiten und trotz hoher Anstrengung kaum strukturelle Entlastung erreichen. Wer zuerst den Aufgabenbestand ordnet, schafft die Voraussetzung dafür, dass jede neue Stelle tatsächlich wirkt.
Dieser Artikel vertieft Themen aus Kap. 1 meines Buches
Effiziente Verwaltung. Mehr dazu im Buch.
