Vier von fünf halten den Staat für überfordert

Okt. 15, 2026

Michael Ahr - Autor

von Michael Ahr

Vier von fünf halten den Staat für überfordert

17 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger halten den Staat derzeit für in der Lage, seine Aufgaben zu erfüllen. 79 Prozent sehen ihn als überfordert an. So niedrig lag der Wert noch nie, seit die dbb-Bürgerbefragung die Frage 2019 zum ersten Mal stellte.

Der Befund, der trifft

2019 hielten noch 34 Prozent der Bevölkerung den Staat für handlungsfähig. 2026 sind es 17 Prozent — die Hälfte. Im selben Zeitraum ist der Anteil derjenigen, die den Staat für überfordert halten, von 61 auf 79 Prozent gestiegen. Das zeigt die dbb Bürgerbefragung Öffentlicher Dienst 2026, die forsa im Auftrag des dbb beamtenbund und tarifunion jährlich seit 2019 erhebt.

Eine Zahl, die fällt, gehört zum Alltag der Demoskopie. Eine Zahl, die sich in sieben Jahren halbiert, nicht. Wer in der Verwaltung arbeitet, kennt das Gefühl, zwischen wachsenden Aufgaben und knapper werdenden Ressourcen aufgerieben zu werden, aus eigener Erfahrung. Die Bürgerbefragung zeigt: Das ist kein Gefühl, das intern bleibt. Es kommt an — und es wird als Handlungsunfähigkeit des Staates gelesen, nicht als Überlastung seiner Beschäftigten.

Was dieses Dokument ist — und was nicht

Die dbb Bürgerbefragung Öffentlicher Dienst 2026 ist eine jährliche Erhebung, die forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen im Auftrag des dbb beamtenbund und tarifunion seit 2019 durchführt. Befragt wurden im Juli 2026 online 2.018 repräsentativ ausgewählte Bürgerinnen und Bürger über das forsa.omninet-Panel. Die Fehlertoleranz liegt bei plus/minus 2,5 Prozentpunkten.

Das Dokument ist eine Meinungsumfrage, keine Verwaltungsstatistik. Es misst Wahrnehmung, nicht Leistung — was die Bürger über den Staat denken, nicht, was der Staat tatsächlich leistet. Beide Größen hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe. Eine Verwaltung kann in einzelnen Bereichen besser arbeiten, als die Umfrage es widerspiegelt, wenn diese Verbesserung nicht sichtbar wird. Und sie kann schlechter dastehen, als die Zahlen zeigen, wenn Medienberichterstattung einzelne Fälle verzerrt. Die Befragung liefert damit die Außenperspektive der Bevölkerung — nicht den objektiven Zustand der Verwaltung, sondern das, was von ihm bei den Menschen ankommt.

Fünf Kernerkenntnisse

Erstens: Das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates ist auf einem historischen Tiefstand. „79 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger meinen mittlerweile, der Staat sei angesichts der Fülle seiner Aufgaben und Probleme überfordert.“ (S. 3) Der Negativtrend zieht sich durch die gesamte Zeitreihe seit 2019 — mit Ausnahme von 2020, dem einzigen Jahr, in dem das Vertrauen kurzzeitig anstieg (S. 4).

Zweitens: Die größten Problemfelder haben sich deutlich verschoben. Wer den Staat für überfordert hält, sieht die Ursache heute vor allem bei den sozialen Sicherungssystemen und der Rente (26 Prozent, ein Anstieg um 10 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr) sowie in der Steuer- und Finanzpolitik (18 Prozent, plus 5 Punkte). Die Asyl- und Flüchtlingspolitik, die in den beiden Vorjahren noch mit 30 Prozent an der Spitze lag, ist auf 16 Prozent gefallen (S. 5-6). Ein Thema, das zwei Jahre lang die öffentliche Debatte dominiert hat, verliert in der Wahrnehmung der Bürger an Gewicht — während ein Thema, das lange als gelöst oder zumindest stabil galt, neu an Bedeutung gewinnt.

Drittens: Auch die Leistungsfähigkeit des öffentlichen Dienstes selbst wird kritischer gesehen als in den Vorjahren. Nur 10 Prozent der Befragten meinen, die Leistungsfähigkeit sei in den letzten Jahren größer geworden. 51 Prozent — mehr als die Hälfte — sehen eine Verschlechterung (S. 7). Diese Einschätzung ist seit 2019 kontinuierlich gewachsen: von 34 Prozent, die 2019 eine Verschlechterung sahen, auf jetzt 51 Prozent.

Viertens: Die Digitalisierung wird als Hoffnungsträger gesehen, ihr aktueller Stand aber schlecht bewertet. 54 Prozent der Bürger erwarten, dass die zunehmende Digitalisierung die Leistungsfähigkeit des Staates viel oder sehr viel verbessern wird (S. 9). Gleichzeitig vergeben dieselben Befragten für den aktuellen Stand der Digitalisierung von Staat und öffentlicher Verwaltung die Schulnote 4,0 (S. 13-14). Dem neuen Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung trauen nur 21 Prozent zu, in den nächsten drei Jahren spürbare Fortschritte zu erzielen; 62 Prozent trauen ihm das nicht zu (S. 17).

Fünftens: Der Anteil derer, die den öffentlichen Dienst für zu teuer halten, erreicht einen neuen Höchststand. 54 Prozent meinen, der öffentliche Dienst koste die Steuerzahler zu viel Geld — der höchste Wert seit Beginn dieser Zeitreihe 2016, als es noch 31 Prozent waren (S. 18-19). Bemerkenswert dabei: Innerhalb des öffentlichen Dienstes selbst sehen das nur 32 Prozent der Beschäftigten und 28 Prozent der Beamten so (S. 19) — die Wahrnehmung von innen und von außen klafft hier deutlich auseinander.

Zwei weitere Befunde ergänzen das Bild. Bei der Bewertung einzelner öffentlicher Einrichtungen zeigt sich ein auffälliges Muster: Straßenreinigung und Müllabfuhr (Schulnote 1,9), Bibliotheken (2,0) und Museen (2,1) schneiden weiterhin am besten ab — sichtbare, alltagsnahe Leistungen also. Am schlechtesten bewertet werden Bundesministerien mit der Note 4,2, ein Rückgang um 0,3 Notenpunkte gegenüber dem Vorjahr und der stärkste Einbruch aller abgefragten Einrichtungen (S. 20). Je abstrakter und ministerienferner eine Leistung erscheint, desto schlechter fällt ihre Bewertung aus — und desto schneller verschlechtert sie sich.

Auch das Bild der Beamtinnen und Beamten selbst trübt sich ein: Zuschreibungen wie verantwortungsbewusst (59 Prozent, minus 2 Punkte), pflichtbewusst (57 Prozent, minus 2) und zuverlässig (51 Prozent, minus 2) gehen gegenüber dem Vorjahr durchgehend zurück, während negative Zuschreibungen wie arrogant (31 Prozent, plus 2) und überflüssig (18 Prozent, plus 2) zunehmen (S. 21). Der allgemeine Vertrauensverlust in die Handlungsfähigkeit des Staates strahlt damit auch auf das Bild der Menschen aus, die diesen Staat tragen — obwohl die Befragung selbst diesen zumindest teilweise erklärt, warum: Je weiter eine Institution vom unmittelbaren Erleben der Bürger entfernt ist, desto stärker wirkt sich ein allgemeines Krisengefühl auf ihre Bewertung aus.

Was daran neu ist

An der Bürgerbefragung 2026 ist zweierlei neu. Zum einen die schiere Dauer und Richtung des Trends: Sieben Jahre Zeitreihe zeigen nicht eine einmalige Verschlechterung, sondern eine nahezu durchgängige Abwärtsbewegung, die sich 2026 fortsetzt statt sich zu stabilisieren. Einzelne schlechte Umfragewerte lassen sich mit tagesaktuellen Ereignissen erklären. Eine Linie, die sieben Jahre lang in dieselbe Richtung zeigt, nicht.

Zum anderen liefert dieses Dokument eine Perspektive, die in der Debatte über Verwaltungsreform oft fehlt: die der Bürgerinnen und Bürger selbst. Was in Fachkreisen und in der Innensicht der Beschäftigten seit Jahren als strukturelle Überforderung beschrieben wird, erscheint hier als Wahrnehmung von außen — unabhängig davon, ob die Betroffenen mit Verwaltungssprache oder mit Organisationstheorie vertraut sind. Die Bürger benennen keine Prozessdefizite oder Steuerungsprobleme. Sie sagen schlicht: Der Staat schafft es nicht mehr.

Interessant ist zudem die Verschiebung der Problemfelder. Dass soziale Sicherungssysteme und Rente binnen eines Jahres um 10 Prozentpunkte zulegen, während die Asyl- und Flüchtlingspolitik um 14 Punkte fällt, zeigt: Das Gefühl der Überforderung hängt nicht an einem einzelnen Politikfeld. Es wandert dorthin, wo gerade die größte politische Unsicherheit herrscht. Das spricht gegen die verbreitete These, Vertrauensverlust sei im Wesentlichen ein Migrationsthema — und für die andere These, dass es sich um ein grundsätzliches Muster handelt, das sich an wechselnden Themen entzündet.

Einen weiteren Hinweis darauf liefert die Befragung mit ihrer eigenen Prioritäten-Analyse: Bei den drei Aufgaben, die den Bürgern am wichtigsten sind — Reform der sozialen Sicherungssysteme (55 Prozent „sehr wichtig“), Sicherung von Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen (54 Prozent) sowie Verbesserung der Infra- und Verkehrsstruktur (53 Prozent) — fällt die Diskrepanz zur wahrgenommenen Bewältigung am größten aus. Jeweils nur 11 bis 15 Prozent meinen, dass dem Staat die Bewältigung dieser Aufgaben gut gelingt. Die Lücke zwischen Erwartung und wahrgenommener Leistung ist damit kein diffuses Gefühl, sondern lässt sich an konkreten Politikfeldern festmachen — und sie betrifft gerade jene Aufgaben, die den Bürgern am wichtigsten sind, nicht Randthemen.

Meine Haltung dazu

Der Vertrauensverlust, den diese Zahlen zeigen, ist kein Kommunikationsproblem. Und er ist auch nicht in erster Linie Ausdruck überzogener Bürgererwartungen, wie es in Teilen der Verwaltung gerne gelesen wird. Er ist die logische Konsequenz einer Verwaltung, die neue Aufgaben Jahr für Jahr additiv auf bestehende Strukturen aufsetzt, statt systematisch zu prüfen, welche Aufgaben überhaupt noch in diesem Umfang und in dieser Form erbracht werden müssen.

Ich habe diese strukturelle Überforderung bisher vor allem aus der Innensicht beschrieben — aus dem Blickwinkel von Führungskräften und Mitarbeitenden, die erleben, wie Standards erhöht, Zuständigkeiten erweitert und Digitalisierungsprojekte aufgesetzt werden, ohne dass vorher geklärt wird, welche Aufgaben dafür wegfallen oder vereinfacht werden könnten. Diese Bürgerbefragung liefert dazu erstmals in dieser Deutlichkeit die Außenperspektive. Was Verwaltungsangehörige als tägliche Überlastung erleben, erlebt die Bevölkerung als Handlungsunfähigkeit des Staates insgesamt. Beides sind zwei Ansichten desselben Problems.

Besonders aufschlussreich finde ich den Befund zur Digitalisierung. Eine knappe Mehrheit der Bürger traut der Digitalisierung zu, die Leistungsfähigkeit des Staates zu verbessern — gleichzeitig bewerten dieselben Menschen den aktuellen Stand mit der Schulnote 4,0. Das ist kein Widerspruch, sondern eine präzise Diagnose: Die Hoffnung in die Technologie bleibt bestehen, aber die bisherige Umsetzung überzeugt nicht. Genau das beobachte ich in meiner Beratungspraxis seit Jahren: Digitalisierungsprojekte, die bestehende, oft überkomplizierte Prozesse eins zu eins ins Digitale übertragen, statt vorher zu fragen, ob der Prozess in dieser Form überhaupt noch sinnvoll ist. Wird eine zu komplizierte analoge Prüfung digitalisiert, entsteht eine zu komplizierte digitale Prüfung — nur schneller falsch.

Wo ich der verbreiteten Lesart ausdrücklich widerspreche: Die Antwort auf sinkendes Vertrauen ist nicht, noch mehr Kommunikationskampagnen über die Leistungen des Staates zu fahren. Vertrauen entsteht nicht durch bessere Erklärung bestehender Strukturen, sondern durch sichtbar veränderte Strukturen. Eine Bevölkerung, die seit sieben Jahren eine Verschlechterung wahrnimmt, lässt sich nicht durch eine überzeugendere Darstellung des Status quo umstimmen. Sie braucht einen Status quo, der sich tatsächlich ändert.

Was das praktisch heißt

Für eine Verwaltung, die diese Zahlen nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern etwas daraus ableiten will, sehe ich vier Konsequenzen.

Erstens: Aufgabenkritik vor Digitalisierung. Bevor ein Prozess digitalisiert wird, muss geklärt sein, ob die Aufgabe in ihrer bisherigen Form, Tiefe und Häufigkeit überhaupt noch notwendig ist. Digitalisierung ohne vorgelagerte Aufgabenkritik verstärkt bestehende Komplexität, statt sie zu reduzieren — und erklärt, warum eine Mehrheit der Bürger trotz hoher Erwartungen an die Digitalisierung deren bisherige Umsetzung schlecht bewertet.

Zweitens: Priorität dort setzen, wo die Diskrepanz zwischen Wichtigkeit und Bewältigung am größten ist. Die Befragung zeigt selbst, wo der größte Handlungsdruck liegt: bei der Reform der sozialen Sicherungssysteme und der Sicherung von Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen klafft die Lücke zwischen dem, was Bürger für sehr wichtig halten, und dem, was der Staat nach ihrer Einschätzung gut bewältigt, am weitesten auseinander. Eine Verwaltung, die ihre knappen Ressourcen bewusst dorthin lenkt, wo Erwartung und wahrgenommene Leistung am stärksten divergieren, setzt Prioritäten dort, wo sie am meisten wirken.

Drittens: Vereinfachung vor Beschleunigung. 86 Prozent der Bürger halten eine deutliche Verringerung und Vereinfachung der Vorschriften für die wichtigste Verbesserung, die Behörden vornehmen können — noch vor einer Verkürzung der Bearbeitungszeiten. Das ist eine klare Priorisierung: Bürgerinnen und Bürger wünschen sich keine schnellere Bearbeitung komplizierter Verfahren, sondern weniger komplizierte Verfahren. Wer in der Verwaltung an Prozessoptimierung arbeitet, sollte diese Reihenfolge ernst nehmen, statt sie umzukehren.

Viertens: Die Innenperspektive der Beschäftigten und die Außenperspektive der Bürger zusammenbringen. Die auffällige Differenz bei der Kostenfrage — 54 Prozent der Bevölkerung, aber nur 32 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst halten den öffentlichen Dienst für zu teuer — zeigt, wie unterschiedlich beide Gruppen dieselbe Verwaltung wahrnehmen. Eine Organisation, die diese Lücke nicht aktiv adressiert, läuft Gefahr, intern anders zu kommunizieren als extern wahrgenommen zu werden. Wer Vertrauen zurückgewinnen will, muss beide Perspektiven kennen, nicht nur die eigene.

Diese vier Konsequenzen haben einen gemeinsamen Nenner: Sie verlangen eine Verwaltung, die bereit ist, zuerst zu entscheiden, was sie nicht mehr in bisheriger Form tun will, bevor sie entscheidet, wie sie das Verbleibende schneller oder digitaler erledigt. Genau diese Reihenfolge — erst Aufgabenkritik, dann Prozessoptimierung, erst dann Technik — ist in der Praxis selten die, die tatsächlich eingehalten wird. Meist beginnt der Reformprozess bei der Technik, weil sie sichtbar, budgetierbar und politisch vermittelbar ist. Die Bürgerbefragung zeigt, wohin das führt: zu einer Bevölkerung, die der Digitalisierung weiterhin Hoffnung entgegenbringt, ihre bisherige Umsetzung aber mit der Schulnote 4,0 bewertet.

Die dbb Bürgerbefragung 2026 liefert keine neue Diagnose. Sie liefert etwas, das in der Debatte über Verwaltungsmodernisierung oft fehlt: eine über Jahre belastbare Zahl dafür, dass die strukturelle Überforderung der Verwaltung nicht nur ein Gefühl der Beschäftigten ist, sondern draußen ankommt — als Vertrauensverlust in die Handlungsfähigkeit des Staates selbst.

Quelle

dbb beamtenbund und tarifunion / forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH: dbb Bürgerbefragung Öffentlicher Dienst 2026 — Einschätzungen, Erfahrungen und Erwartungen der Bürger, Stand 17. Juli 2026, 32 Seiten, 2.018 Befragte, Fehlertoleranz ±2,5 Prozentpunkte. Weiterführende Quelle

Autorenhinweis: Der sprachliche Feinschliff an diesem Artikel erfolgte mittels KI-Sprachmodell. Alle Konzepte und inhaltlichen Gedanken stammen vom Autor selbst. Bilder und Grafiken sind dagegen rein KI-generiert.